29.05.2015

Guinness an den Ufern des Kleebaches

Irischer Abend im Gasthaus Schütz

Der Shannon River fließt durch Irland, und der Kleebach fließt durch Oberkleen. Aber es gibt einen großartigen Mann, der mit seiner Gitarre diese beiden Gewässer ineinander fließen lässt. Es ist die Rede von Jo-Solo, alias Johannes Meiser.

Er besitzt die große Gabe jener Musiker, die schon vor hunderten von Jahren, dem Gasthaus irgend eines einsamen, irischen Dorfes einen quirligen Abend voller Musik, Tanz und fröhlicher Menschen schenkten, und der Schein des warmen Lichtes, bis spät in die Nacht, aus den kleinen Fenstern drang und sich in den Pfützen der unbefestigten Wege spiegelte.

In gewisser Weise ist auch das mittelhessische Oberkleen eines dieser Dörfer, auch wenn sein Name nicht unbedingt keltischen Ursprunges ist. Dennoch ist es umgeben von saftig grünen Weiden und beherbergt in seinen alten Höfen freundliche, aufgeschlossene und auch traditionsbewusste Menschen. Auch dieses Dorf liebt sein Gasthaus. Allerdings heißt der Wirt dort natürlich nicht Timothy oder James O’Neil sondern Hartmut Schütz. Aber in seiner Authentizität ist er genauso einmalig. Und wer in dieses Gasthaus einkehrt, erlebt die warme, freundliche Umarmung von Mensch und Gemäuer.

Gewiss mögen die vielen bunten Gastronomiebetriebe der nahen Unistadt Gießen frohlocken, aber der verträumte, grüne Innenhof eines nostalgischen, alten Gasthauses ist und bleibt die schönste Bühnenkulisse für einen irischen Sänger.

J-Solo kam nicht als blinder Passagier auf einem vom Irish-Tinker gezogenen Heuwagen, sondern reiste mit seiner hübschen Ehefrau im Kombi an. Auch die dezente elektronische Verstärkung sei ihm gewährt. Im Gegenteil: Sie sollte seine beflügelnde Stimme noch weiter hinaus, in die Dorfstraßen tragen.

Als das Dörfchen Oberkleen dem wässrigen Dämmerungslicht eines wolkenverhangenen Abends verfiel, füllte sich der romantische Innenhof des Gasthauses mehr und mehr mit neugierigen Gästen. Es wurde geflüstert und vor allem seitens der weiblichen Besucher zu dem attraktiven, dunkelhaarigen Sänger herüber geschaut, der seine Gitarre stimmte.

Wer war dieser Jo-Solo, dessen Auftritt schon lange in den umliegenden Gemeinden angekündigt worden war?

Einige der Gäste schienen ihn zu kennen oder waren sogar extra wegen ihm gekommen sein. Der Rest sollte überzeugt werden, als dieser Mann seine Gitarre umschnallte und mit dem ersten Lied begann.

Eine Stimme so frei und klar wie der salzige Seewind der grünen Insel, untermalt von Riffs auf seiner Gitarre, wild und euphorisch wie die Meeresbrandung.

Seine Lieder von Freiheitskämpfern, Auswanderer-Schiffen und Liebeserklärungen auf den Docks von Belfast lösten bei jedem Zuhörenden die Verkrampfung des Alltags und nahmen ihn mit auf eine musikalische Reise, dorthin, wo Schafe friedlich zwischen windschiefen Steinmauern grasen, und der raue Wind über einsame Bauernhäuser fegt.

Jo-Solo integrierte bei einigen Folk-Songs auch noch ganz geschickt die Anwesenden als aktiv mitwirkenden Chor bei Refrains, mittels ausgeteilter Text-Passagen und stellte zum Ende seiner Show auch noch ein erstaunliches Repertoire unter Beweis, Songs von U2 sowie deutsche Gassenhauer.

Seine Bühne war dabei stets der Stall vom Gasthaus Schütz, und sein Rampenlicht war der Schein der offenen Feuer im Hof.

Als es auf Mitternacht zuging, nahm er seine Gitarre ab und verabschiedete sich in sehr herzlicher Art und Weise von seinen sichtlich begeisterten Zuhörern. Sein Applaus nach jedem Lied war so stark und gewollt, wie ihn sich so manch ein Festzelt-Duo vielleicht erträumen würde.

Bei einer kurzen Zwischen-Ansprache erinnerte Veranstalter und Gasthaus-Besitzer Hartmut Schütz daran, dass man von Applaus allein nicht leben könnte. Es wurde danach ein Hut herum gereicht, und jeder sollte geben, was es ihm Wert war. Und dieser Abend war wohl jedem Zuhörer ein kleines, persönliches Vermögen wert…

An dieser Stelle sollte nun auch mal erwähnt werden, dass es wieder einmal die „Pferdefreunde aus Mittelhessen“ waren, die sich diesen wunderbaren Abend ausgedacht hatten. Denn es ist stets ihr Anliegen, die kulturelle und geographische Welt ihrer Vierbeiner in den schönsten Farben auszumalen.

Gegen Mitternacht verließe Jo-Solo mit seiner Frau in der modernen „Benzin betriebenen Kutsche“ wieder das Gasthaus. Nachdem auch die letzten Gäste den Heimweg angetreten hatten, begann ein sanfter Landregen in der schwarzen Nacht und spendete mit leisem Prasseln auf das Dach des Gasthauses seinen ganz eigenen Applaus für den wundervollen Abend.

Der matte Schein der herunter gebrannten Feuer spiegelte sich in den Pfützen der Dorfstraße, und irgendwo in der Dunkelheit blökten Schafe.

Waren wir vielleicht doch in Timothy O’Neils Gasthaus, auf die ferne grüne Insel entführt worden???

Ja, in unseren Träumen…

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