28.06.2016

Hugolin

Hugolin lebt nicht mehr, am 5. März ist er mir hier, auf der Straße vor dem Haus gestorben.

Am Mittwoch zeichnete sich bei ihm eine Fressunlust deutlich ab, von Dienstag auf Mittwoch hatte er kein Wasser gesoffen und nichts gefressen. Tierärztlicher Rat war teuer, er wurde sofort behandelt, Donnerstag lief er noch an der Weide vorbei, auf der unsere anderen Pferde standen und er reagierte sofort, wie wir es alle immer von ihm gewohnt waren. Freitag war ich wieder mit ihm unterwegs, führen sollte ja seine Darmtätigkeit anregen. Eine Spezial Pferdetierärtin versorgte ihn mit Infusionen, Darmgeräusche waren auch leicht zu hören, aber sie waren da. Freitag auf Samstag Nacht hatte ich früh Feierabend und wachte bei ihm, er stand im Regen und wollte nicht in seinen Stall und dem sonst so „Komm Hugolin“ wollte er nicht folgen und das war das Erste Mal in fast 21 Jahren. Ich deckte ihn Wasser dicht ein und blieb bis 5 Uhr auf, gegen neun Uhr wurde ich von Verena geweckt, die Tierärztin hätte gesagt: „jetzt muss was passieren“, er war total apatisch und hatte auch Fieber, Darmgeräusche keine mehr. Entweder einschläfern, oder in die Klinik, was waren die Möglichkeiten.

Ich entschloss mich für die letzte Möglichkeit und holte den Pferdanhänger von Isabel. Verena kam mir mit Hugolin entgegen, ich nahm ihn am Strick und wollte ihn auf den Anhänger führen und als er den ersten Schritt auf die Rampe trat, ging er in die Luft, schraubte sich stöhnend gegen die Hauswand unserer Nachbarn und blieb regungslos liegen, vielleicht wusste er, jetzt war alles vorbei und ich will nicht mehr weg! Wir zogen die erste Möglichkeit als Lösung herbei, vielleicht war er schon tot, vielleicht hätte er die Spritze nicht mehr gebraucht.

Hugolin war mehr als ein Typ, er verstand jedes meiner Worte und Gesten, er war nie einfach, er war eben Hugolin, der immer eine Überraschung im Ärmel hatte und ich bin sehr froh darüber, ihn 2015 vermehrt eingesetzt zu haben, das hat uns beiden richtig Spaß gemacht, ich schenkte ihm sogar noch ein neues Wäglechen, dass immer noch den Namen trägt „Hugolins neues Wägelchen“, egal wer davor gespannt ist und es zieht.

Erinnerungen werden wach, die vielen Kutschentreffen, die Stuten, die in seinen jungen Jahren zum decken kamen, die Ausritte mit ihm, alleine oder in der Gruppe. Er war immer aufregend und eine Herausforderung und keine Schlaftablette für eine Schlaftablette, was wir in den fast 21 Jahren alles zusammen erlebt haben, würde hier auf der Homepage jeglichen Rahmen sprengen und alles muss ich ja auch nicht erzählen.

Unvergessen die vielen Showauftritte, über Jahre hinweg bei der Öko-Agrar. 1999 war er bester Hengst in der Zugleistungsprüfung, die erstmals in Dillenburg ausgetragen wurde, ein Jahr zuvor war er in Moritzburg als lebensgefärhlich ausgemustert worden und bei einem neuen Versuch in München musste er wegen einen Influenza, wogegen er geimpft war, aus der Prüfung genommen werden. In Dillenburg hat er gewonnen, also er war immer für eine Überraschung gut, natürlich muss auch dazu gesagt werden, von nichts kommt nichts. Ich als sein „Pilot“ habe mit ihm nicht hunderte von Trainigskilometer gefahren, sondern tausende und seine Talente gefördert. Und als wir im September 2015 nach Marburg eingeladen wurden, Cob Normands bei der „Gesellschaft zu Erhaltung vom austerben bedrohter Haustierrassen“ aus zu stellen, war es für uns noch einmal eine ganz besondere Ehre dabei zu sein, schon im Vorfeld hatte ich gesagt, dass dies unser letzter öffentlicher Auftritt sein würde, aber es war anders gemeint. Uns so gaben wir dort alles, Birgit hatte ihn, wie schon so oft in den französischen Nationalfarben eingeflochten, ich stellte ihn, der Umstände dort wegen, nur an der Hand vor und auch hier brillierte er wieder wie zuvor, aufmerksam und zuverlässig, genau auf den Punkt.

Wir waren exclusiv im Fernsehen, wir waren in einschlägigen Kaltblutfachzeitschriften, er zog die Hochzeitskutsche von Verena und mir und er war das erste Pferd, auf das ich meinen Enkel Lino setzte. Ich hatte und habe in meinem Leben, mit vielen Pferden zu tun, ich hatte und habe bessere als Hugolin war, aber er war der interessanteste, der spektakulärste, eben Hugolin aus Boutteville, einem kleinen Dorf in der Normandie, den ich am 15. Oktober 1995, mit seiner Halbschwester Harmonie in 17 stündiger Fahrt hier angeschleppt habe. Er war jeden Herzschlag Wert, dass ich ihn nie vergesse ist ja klar, aber alle die ihn kannten, denen er über den Weg gelaufen ist vergessen ihn auch nicht.

... und ich schämte mich meiner tränen nicht, als er tot im Hof vor mir lag, so ein Pferd hat man(n) nur einmal im Leben!

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